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Rosa & Karacho



Die Vorgeschichte

Während des Lockdowns, bedingt durch die Corona-Pandemie, habe ich mich einem Herzensprojekt zugewandt, meinem ersten Kinderbuchprojekt „Rosa & Karacho“, das ich bereits vor vielen Jahren begonnen hatte, jedoch neben meiner Malerei und meinen Atelierkursen für Kinder und Erwachsene bislang nicht fertigstellen konnte. Passend zu einer Zeit, in der Ängste schnell überhand nehmen können und es mehr denn je auf Solidarität ankommt (und ein wenig Humor auch nicht fehlen darf, insbesondere wenn es um Kinder geht), erzählt das Bilderbuch auf der Grundlage von 30 handgefertigten Collagen die Geschichte eines kleinen Vogels namens Rosa, dessen Höhenangst ihn am Fliegen hindert. Erst durch die Begegnung mit Karacho, einem übermütigen Hühnerküken und selbsterklärten Flugexperten, lässt sich Rosa auf das Abenteuer Freiheit ein. Neben vielen anderen Aspekten beschäftigt sich das Buch also mit der Angst, die eigenen Träume zu verwirklichen und der Überwindung dieser Angst durch Freundschaft aber auch durch Selbstbestimmung - „Empowerment“. Vorangegenagen ist der Geschichte die intensive Beschäftigung mit dem jiddischen Gedicht „Oyfn Veg shteyt a Boim“ - אױפן װעג שטײט א בױם von Itsik Manger (1901-1969), das von einem Jungen handelt, der ein Vogel werden möchte, letztlich aber von der Angst und Sorge seiner Mutter von diesem Vorhaben abgehalten wird. Meine Erzählung kann in vielerlei Hinsicht als Adaption und Fortführung dieser Geschichte gelesen werden, die nach dem zweiten Weltkrieg und der Shoa eine neue Bedeutung erfuhr. Vorbild und Namensgeberin für mein Vögelchen ist daher meine Oma Róża, die das KZ Bergen-Belsen überlebte und die trotz der Erfahrung von Verlust, Zerstörung und mit Sicherheit auch Gewalt, nach dem Krieg in Deutschland blieb und hier ein neues Leben begründete. Sie liebte Zeit ihres Lebens die Sonne und das Meer und beherrschte dennoch nie das Schwimmen. 






Die Geschichte

Rosa ist ein kleiner, neugieriger Vogel, dem es an nichts fehlt. Wäre da nicht diese Angst, die immer genau dann auftritt, wenn Rosa sich ans Fliegen wagt. Denn was könnte dabei nicht alles schief gehen! Vor allem die Höhe schreckt das junge Vögelchen und der unwahrscheinliche, aber theoretisch doch mögliche Sturz von ganz oben nach ganz unten. Noch bevor es also an den ersten, alles entscheidenden Sprung geht, entschließt sich Rosa kurzerhand „die Sache mit dem Fliegen“ doch lieber sein zu lassen. Auf der Erde lebt es sich schließlich auch nicht schlecht. Bis zum Winter jedenfalls. Der lässt Rosas Alltag doch etwas ungemütlich werden. Während alle anderen Vögel gen Süden ziehen oder es sich in ihrem Bau hoch oben in den Bäumen bequem machen, droht sich Rosa in einen Schneemann zu verwandeln. Fast scheint alles verloren, käme da nicht aus heiterem Himmel Karacho. Mit einem eleganten Kopfsprung katapultiert sich dieses übermütige, vom Fliegen besessene Hühnerküken in Rosas Leben und stellt hier alles auf den Kopf. Denn von einem Vogel, der nicht fliegen will, möchte Karacho nichts wissen. Das Küken ist felsenfest davon überzeugt, Rosa das Fliegen beibringen zu können.  Hierzu braucht es seiner Meinung nach nur ein wenig Theorie und viel, viel Übung - à la Karacho versteht sich.




Die Technik - Malen mit der Schere

Wie die bekannten gouaches découpées von Matisse aber auch die Illustrationen des kongenialen Kinderbuchautors Eric Carle, sind die Bilder für „Rosa & Karacho“ nicht mit dem Stift, sondern mit der Schere entstanden. Dabei war es mir wichtig, dass ihre Machart für Kinder leicht nachvollziehbar ist und zu eigenem künstlerischen Gestalten anregt. Letzteres durfte ich in einem Workshop zu „Rosa & Karacho“ mit Grundschüler*innen aus Frankfurt erleben. Ausgehend von meinen Collagen entwickelten die Kinder für „Rosa & Karacho“ Stop-Motion-Filme. Bestärkt durch die Erfahrungen des Lockdowns 2020 und 2021, in der so viele Familien unter anderem in Hinblick auf die Bildung ihrer Kinder auf sich allein gestellt waren, habe ich mich entschieden, der ersten Edition des Buches Papiermuster beizufügen, sodass meine Leser*innen zuhause eigenhändig Ergänzungen anfertigen und die Geschichte von „Rosa & Karacho“ auf diese Weise ganz persönlich- alleine oder gemeinsam mit ihren Eltern - weiterführen können.


Vom Lesen zum Erzählen

Die Geschichte von “Rosa & Karacho” entwickelte ich über die Bilder. Auf ein Bild folgte stets das nächste. Mal war es ein Kind, mit dem ich arbeitete, das eine Idee hatte, wie die Geschichte weitergehen würde, mal waren es Freunde oder Kolleg*innen. Einen Text gab es während des gesamten Entstehungsprozesses nicht. Als die Illustrationen schließlich fertig waren und es darum ging, meine Erzählung in Worte zu fassen, bemerkte ich zwei Dinge ziemlich schnell: Zum einen wurde mir bewusst, dass die Bilder durchaus ohne Text auskommen, zum anderen wurde deutlich, dass in den Bildern viele Geschichten angeleget sind, die es Wert sind erzählt zu werden. Aus diesem Grund entschied ich mich nach einiger Überlegung dazu, die erste Edition meines Buches als “Silentbook” zu drucken und erst eine zweite Edition mit einem Text zu versehen. Auf diese Weise können diejenigen, die gerne ihre eigene(n) Geschichte(n) entwickeln und erzählen wollen, dies auch tun.

Vier Autor*innen // Vier Erzählungen

Während ich dabei war das Buch fertigzustellen, hatte ich das große Glück, dass vier Autor*innen - unter ihnen ein Komponist aus London, eine Grundschullehrerin, eine Germanistin und eine Psychoanalytikerin - eigenständige Geschichten auf der Grundlage meiner Collagen entwickelten, sodass neben meiner Version noch vier weitere Erzählungen entstanden, unter ihnen eine auf Englisch. Gemeinsam ist den Autor*innen die Arbeit mit Kindern, der sie mit großer Hingabe nachgehen.  Drei der Autor*innen sind zudem Mütter, von denen zwei trotz der erschwerten Bedingungen des langen Lockdowns ihre Geschichten in kürzester Zeit und mit viel Engagement erarbeiteten- teilweise zusammen mit ihren Kindern, teilweise neben der Kinderbetreuung. Die entstandenen Geschichten hätten unterschiedlicher nicht sein können. Gemeinsam ist ihnen jedoch der Wunsch, die jungen Leser*innen mitzunehmen und sie zum Lachen zu bringen.



Text: Alex Paxton


Text: Barbara Holder


Text: Ilona Kaminer


Text: Caroline Hoffman





Gefördert im Rahmen des Kulturförderprogramms „Hessen kulturell neu eröffnen“


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